Vom «Richtigen» über den «Authentischen» zum «Integralen» Mann

Seit ich mich intensiv mit dem Mann-Sein beschäftige, stelle ich mir selber und auch immer wieder in MännerKreisen die Frage: Was ist ein richtiger Mann? Was zeichnet ihn aus und was unterscheidet ihn z.B. von einem Mann der 90iger Jahre oder der 30iger Jahre?

Durch diese Frage werde ich automatisch mit meinen persönlichen und den gesellschaftlichen Konditionierungen konfrontiert. Was oder Wer bestimmt den, was richtig oder falsch ist, was erlaubt oder verboten ist, was akzeptiert oder verpönt ist? Schon hier trennt sich die individuelle Sicht von der gesellschaftlichen. Was für mich gilt, muss noch lange nicht gesellschaftlich anerkannt sein. Dennoch bewege ich mich als Individuum in der Gemeinschaft anderer Menschen. Wie viel Individualismus oder eben Authentizität ist denn nun Gesellschaftsverträglich?

Hier hat sich die letzten Jahrzehnte sehr viel verändert. Wissen und Bewusstsein hat sich erweitert. So sagt Bruce Lipton[1] z.B. dass wir zu über 90% fremdbestimmt sind und unser Verhalten, Entscheiden, Reaktionen und Bewerten aufgrund fremder Vorgaben (Kultur, Religion, Familie, Ausbildung) getroffen werden. Das ist ganz schön viel.

Ist es denn überhaupt sinnvoll oder gar verträglich, deutlich mehr Selbstbestimmung, bewusste eigene Entscheidungen, eigene Werte und Verhalten zu entwickeln? Für das Individuum bestimmt erstrebenswert, für die Gemeinschaft auf jeden Fall eine Herausforderung. An dieser Stelle kommen wir zur Frage des gesellschaftlichen Bewusstseins oder Entwicklungsstandes. So kann in China und vielen andern östlichen Länder ganz selbstverständlich das WIR die oberste Orientierung sein, während in vielen westlichen Ländern das ICH über dem WIR steht und sich auch entsprechend ausdrückt (im politischen System, in der Wirtschaftsstruktur und im Gesellschaftsleben).

Beide Konzepte weisen unbestrittene Mängel auf, das eine die Unterdrückung der eigenen Kreativität und Freiheit, das andere die Unterdrückung oder Manipulation eines Teils der Gesellschaft. Eine Weiterentwicklung finden wir im integralen Bewusstsein[2]. Hier werden vermeintliche Gegensätze verbunden um einen grösstmöglichen gemeinsamen Nenner aus den beiden Polen zu erschliessen anstatt sich im geringsten Kompromiss zu treffen oder sich im Kampf und in Konkurrenz aufzureiben.

Kann nun das Bild eines authentisch integralen Mannes Orientierung oder gar Vorbild sein für Deine Entwicklung? Wie würde sich Dein Leben verändern? Wie würde sich die Welt verändern, die Politik, die Wirtschaft, die Medizin, die Religionen, die Kultur? Um solche Gedanken überhaupt machen zu können, muss ich bereits von der oben erwähnten, 90%igen Fremdbestimmung ablassen und mir eigene Visionen erlauben.

Im Alltag und in der Praxis erlebe ich immer wieder eine grosse Unfreiheit, eigene Visionen, Wünsche und auch Utopien überhaupt denken, geschweige denn aussprechen zu dürfen. Genau hier sehe ich eine grossartige Chance in der Entwicklung der Menschheit, sowohl individuelle Fähigkeiten ins Kollektiv einzubringen und sich dennoch als Teil eines grösseren Ökosystems zu verstehen und entsprechend zu verhalten. Wenn hier ein «entweder – oder» durch ein «sowohl – als auch» ersetzt werden kann, entstehen Verbindungen wo früher Trennungen unabdingbar waren.

Wie sieht den eine Gesellschaft aus, in der Männer (ich schliesse hier selbstverständlich die Frauen nicht aus) ihre individuelle Genialität in die Gemeinschaft der Menschen, Tiere und Lebewesen auf der Erde einbringen und gemeinsam an einer kulturellen R-Evolution arbeiten, die es bis jetzt nicht gegeben hat, die wir uns bis jetzt nicht vorstellen konnten.

Was heisst das ganz konkret zur Frage der Klimaerwärmung? Wenn wir nicht mehr Parteien von Interessenvertretern sind, sondern gemeinsam eine enkeltaugliche, gesunde Welt erschaffen. In so einer Welt gibt es nicht mehr Individualinteressen die über dem Gemeinwohl stehen. Dafür braucht es die Fähigkeit und das Wissen ALLER um dies zu erreichen.

Was heisst das ganz konkret zur Frage der Corona-Krise? Schaffen wir es, eine unabhängige Wissenschaft einzuberufen, die zum Wohle ALLER forscht, Politiker in Ämter wählen die wieder dem Volk und nicht eigenen oder fremden Interessen dienen, eine Medizin die nicht für den wirtschaftlichen Nutzen weniger, sondern die Gesundheit allen Lebens arbeitet?

Was für eine wundersame Welt – in dieser Welt will ich leben und all meine Fähigkeiten einbringen um diese Vision wahr werden zu lassen.

Was sind Deine Gedanken zur Entwicklung des Mannes in dieser Welt? Was ist Deine Vision? Wo ist Dein Platz in dieser Welt? Das MännerSymposium ist ein Forschungsraum für genau diese Fragen.

 

Mit visionären Grüssen und in Verbindung mit allem was ist

Pablo


[1] US-amerikanischer Entwicklungsbiologe und Stammzellforscher

[2] umfassend beschrieben von Sri Aurobindo, Jean Gebser, Johannes Heinrichs, Ken Wilber und deren Schüler.
Mehr darüber: https://integrale-politik.ch/wp-content/uploads/2019/03/bewusstsein.pdf

Was ist neu am «Neuen Mann»?

In mehr oder weniger regelmässigen Abständen taucht alle paar Jahrzehnte der Begriff «Der neue Mann» auf. Und da wir in einer Zeit leben, in der es kaum mehr etwas Neues gibt, sondern das Alte wird vielmehr neu verpackt, stelle ich mir die Frage, was neu ist am «Neuen Mann».

Da das Neue nur in der Abgrenzung zum Alten existiert, gilt es für «den neuen Mann», sich gegenüber dem «Alten Mann» abzugrenzen. Könnte man sagen «der alte Mann» war in patriarchalen Männerbildern gefestigt, während der «Neue Mann» sich vor allem dagegen abgrenzt? Das könnte eine erste Antwort sein. Ein Blick in die Geschichte der Männerbewegung zeigt, dass das Neue nicht wirklich neu ist.

Bereits 1982 sang Ina Deter «neue Männer braucht das Land». Das Lied mit einer Botschaft an die Männerwelt war ein Produkt aus der Frauenbewegung. Doch der Begriff geht noch weiter zurück. Bereits in der Renaissance, in der Französischen Revolution und in der 68-Bewegung wurde der Begriff gewählt. Selbst die Nazis benutzen ihn im Sinne eines idealen Soldatentypus. In allen Zeiten ging es um „den Beginn einer Neukonstruktionen der Männlichkeit». 1998 zeigte eine deutsche Studie, dass „rund ein Fünftel der Männer so genannte «Neue Männer'“ sind, etwa ein Fünftel verhalten sich nach wie vor „traditionell“ und gaben den Platz der Frauen im Heim und am Herd. Dazwischen gibt es die grosse Menge der pragmatischen und unsicheren Männer, deren zukünftiges Rollenmuster eher noch unklar ist.

Wir sind also nicht wirklich neu – es sei denn wir empfinden intrapersonell uns selbst als neu. Demzufolge wäre das Neue mehr eine intrinsisch gefühlte Angelegenheit, als mehr eine Äussere? Tatsächlich kann ein äusserer Prozess nicht ohne einen inneren vollzogen werden, wenn Mann denn auch wirklich eine Veränderung vollziehen will.

Es geht um die Frage, welche Männlichkeit neu konstruiert werden soll? Geht es um das Geschlechterverhältnis in Erwerbsarbeit und Erziehungsarbeit? Oder vielmehr um den Rückgriff auf Archetypen um Männlichkeit aktiv zu leben? Oder um das positive männliche Selbstbild, das sich vorwiegend in der Abgrenzung zum Feminismus definiert? Oder gerade um das Gegenteil, die «weiblichen Eigenschaften» zu integrieren? In der Männerbewegung gibt es viele Ansätze.

Sprechen wir vom «Neuen Mann» öffnet sich bei mir ein grosses Fragezeichen und auch ein Widerstand. Die Inbesitznahme des Begriffs und die reflexartige Überstülpung auf alle Männer würde wohl kaum von einer differenzierten Wahrnehmung einer neuen Männlichkeit zeugen. Denn die Wahrnehmung eines «Neuen Mannes» ist weitestgehend abhängig von der Lebenswelt, in der Mann steckt und seiner gerade aktuellen persönlichen Wachstums- und Identifikationsphase. Und diese Lebenswelt ist in einem stetigen Prozess der Erneuerung und zutiefst individuell. Um genau dieser Unterschiedlichkeit zur Bedeutung zu verhelfen, müsste sowohl eine alte und eine neue Männlichkeit in allen Schattierungen Platz finden.

In diesem Sinne bleibt der Forschungsauftrag für Mann darin, sich in erster Linie selbst zu entdecken und die Individualität hoch zu halten - weniger in der Abgrenzung gegenüber anderen Männern und Frauen, sondern vielmehr in der Vervielfachung der unglaublichen Vielgestaltigkeit von männlichen Lebenswelten. Wäre das dann «der individuelle Mann»? In meiner Arbeit mit Männern erlebe ich genau diesen Ansatz als wirkungsvoll. Obwohl wir nicht darum herumkommen, uns mit Ideen und Konzepten auseinanderzusetzen, besteht meines Erachtens der Werdegang zu einer neuen Männlichkeit darin, uns nicht mit diesen zu identifizieren. Wir würden gebunden sein an Vordenker. Mann wird zur Kopie. Doch eine gesunde Maskulinität impliziert aus meiner Sicht einen individuellen Mann, der, bestenfalls mit Freude an seinem Körper, an seiner sexuellen Lust und an seiner ganz eigenen, persönlichen Art seine Beziehungs-, Arbeits- und Familienwelt gestaltet.

herzlich

Philipp Steinmann

Die unerträgliche Verlassenheit - oder - das Glück der Einsamen

Verlassenheit ist eines der mächtigsten Gefühle. Menschen, die verlassen werden, können derart erschüttert sein, dass sie ihr Leben nicht mehr auf die Reihe bringen. Oft ist auch das Gefühl der Ablehnung anwesend: «So wie ich bin, bin ich nicht richtig». Diese Erkenntnis schmerzt zu tiefst. Ist dieser Satz noch eine tief eingegrabene Selbstdefinition aus der Kindheit, wird es noch schwieriger. Das Gefühl der Zugehörigkeit geht vollends verloren. Dass in der Verlassenheit jedoch auch eine Stärke liegt, ist in solchen Situationen kaum spürbar.

In meiner Arbeit als Gestalt- und Paartherapeut treffe ich oft auf Situationen, in der die Verlassenheit wie ein Monster droht. In solchen Momenten ist das Gefühl noch nicht wirklich vorhanden. Bereits die aufkommende Ahnung des Gefühls, kann zu einer inneren Starre führen und beeinflusst Menschen in ihrem Verhalten, meist verbunden mit einem Rückzug aus dem Kontakt mit einem Gegenüber. Beim näheren Betrachten des Gefühls zeigt sich, dass die Verlassenheit angebunden ist an den vorausgehenden Zustand der Bezogenheit. Ohne die Erinnerung an das Verbundensein und die noch vorhandene Sehnsucht danach, kann das Gefühl für sich alleine nicht existieren. Damit ist es vor allem ein reaktives Gefühl. Jemand in uns träumt immer noch den Traum des Verbundenseins.

Wenn wir es zulassen können, hier noch tiefer in die Verlassenheit einzusteigen, näheren wir uns der Einsamkeit. Ein neuer Gefühlsraum öffnet sich, der sich gänzlich anders anfühlt. Tief in der Einsamkeit verschwindet die Sehnsucht nach Bezogenheit und ein weiter, leerer Raum öffnet sich, dem Tode ähnlich. Während in der Verlassenheit der Körper noch mit Enge, Nervosität, sprunghaften Gedanken u.ä. reagiert (hauptsächliche Reaktionen des Sympathischen Nervensystems) tritt in der gefühlten Einsamkeit eine Wahrnehmung auf, die mit «nicht mehr im Körper existent» beschrieben werden könnte. Die inneren Mikrobewegungen werden kleiner, der Atem ist kaum noch spürbar, die Herzfrequenz sinkt (Dorsales Nervensystem). Treten hier Bilder vom Sterbebett auf, sind es Vorzeichen eines sich anbahnenden Friedens. Hier ist es unmöglich wieder zurück in den Zustand der Verbundenheit mit dem Alten zu kommen. Das Kämpfen um das Wegdrücken des Schmerzes, der den Zustand des Verlassenseins begleitet, ist weg. Etwas Körperliches oder Emotionales stirbt. Halten wir diesen Zustand lange genug aus und geben wir dem Körper die Gelegenheit, dass er sich von alleine neu ausrichten kann, übernehmen autonome Körperbewegungen die Führung. Eine zunächst zarte Glückseligkeit kann sich einstellen. Die Erfahrung mit diesem Prozess erlaubt eine neue Wahrnehmung der Welt. Der Mensch, der jetzt auf das Verlassensein schaut, ist nicht mehr der Mensch, der verlassen wurde. Hier beginnt der Aufstieg in eine neue Wirklichkeit, die zu einer neuen Freiheit des Lebens führt.

Sind Menschen durch den Prozess der Verlassenheit gegangen, zur Einsamkeit durchgedrungen und haben der darin wohnenden Leere den Raum gegeben, wirkt die Organismische Selbstregulation. Automatisch sucht der ganze Organismus nach Möglichkeiten, das neue Bedürfnis zu befriedigen; das Monster verschwindet. Der Schrecken verliert seine Macht.

Dieser Prozess findet sich in vielen Mythen beschrieben. Er wird auch als «der Abstieg in die Unterwelt», als «Tee trinken mit dem Teufel», in der Visionssuche als «Konfrontation mit dem Drachen» oder in der Heldenreise als «Die grosse Prüfung» beschrieben. Allen gemeinsam ist das Erreichen des Ortes, an dem das Kämpfen aufhört. Ein Ort, an dem der Mensch bereit ist zu sterben und sich einer inneren Führung überlässt (in den Mythen meist eine göttliche Führung, ein göttliches Potenzial).

Uns interessiert, wie du Verlassenheit und Einsamkeit erlebst. Wie gehst du als Mann mit diesen Gefühlen um? Schreib uns einen Kommentar.

herzlich
Philipp Steinmann